Lunas Mutmachgeschichte
(Vielen Dank an dich Tess fürs schreiben und teilhaben lassen!)
Anja: Was war die Ausgangslage, was hat dich damals belastet?
Tess: Luna lebt seit 2020 mit mir in Berlin und ihre Angst fing im Sommer 2024 mit der EM an. Die Spiele haben meistens mitten am Tag
stattgefunden und ich habe mir oft keine Gedanken darüber gemacht, weil mich das gar nicht so interessiert hat.
Es begann damit, dass es sowohl Mittags, als auch Abends zu Feuerwerk kam, die für mich dementsprechend unvorhersehbar erschienen.
So kam es häufiger vor, dass ich mich mit Luna gerade draußen aufhielt, wenn es geknallt hat. Luna hatte schon immer Stress mit Feuerwerk, hat aber gelernt, dass ein oder mal zwei Knaller nicht so
schlimm sind, Batterien sind schon immer eher ein Problem gewesen. Die EM brachte aber noch eine weitere Komponente mit ein, die ich erst außer Acht gelassen habe: Es war Sommer, Menschen hatten die
Fenster offen und machten Watch-Parties. Das heißt es kam öfter vor, dass Menschen anfingen zu Jubeln und daraufhin ging irgendwo eine Rakete hoch.
Am Anfang war Lunas Reaktion darauf noch sehr üblich, sie hat Angst bekommen und wir sind zügig nach Hause gegangen. Irgendwann wurde aus
dem zügigen Gehen aber ein Rennen und wenn es ihr nicht schnell genug ging, auch ein panisches im Kreis rennen, versuchen sich aus dem Geschirr zu winden und in keinem Fall war sie in diesen Momenten
zu beeinflussen.
Langsam fing es dann auch damit an, dass sie Probleme hatte bestimmte Strecken zu laufen, auf denen sie so eine Erfahrung machen musste.
Aber damit war es leider noch nicht genug. Über die Zeit hat sich die Erfahrung schreiender Menschen + Knall so in ihren Kopf gebrannt, dass wir nicht mehr an Kindergärten vorbeigehen konnten, nicht
mehr weiterlaufen konnten, wenn Menschen gelacht oder laut geredet haben und auch nicht, wenn es irgendwo laute Geräusche gab, die irgendwann auch nicht mehr nach einem Knall klingen mussten.
In einer Stadt wie Berlin sind diese Geräusche aber gar nicht vermeidbar, geschweige denn einzuschätzen, wann sie auftreten. Wir wohnen zwar sehr am Rand der Stadt, aber auch hier wohnen viele
Menschen, darunter auch viele Kinder und Jugendliche. Da das Problem merklich spiralisierte habe ich mir recht schnell ein Angst lösendes Medikament besorgt.
Ich befand mich mitten im praktischen Jahr. Das bedeutet ich habe viele verschiedene Praktika abgelegt, die mich zeitlich sehr unflexibel ließen, mein Partner musste zu der Zeit auch viel arbeiten
und wir waren darauf angewiesen zu gewissen Zeiten mit Luna spazieren zu gehen.
Als es Winter wurde und die dunkle Jahreszeit begann haben wir einen Tiefpunkt erreicht.
Luna wollte nur noch sehr ungern die Wohnung verlassen und wenn dann maximal um das Haus herum, in dem wir wohnen. Sobald es dunkel war, änderte sich die Situation aber noch dramatischer. Luna hat
sich vor dem Geschirr versteckt, ließ sich nur noch sehr schwer anziehen und sobald man sie losließ, ist sie sofort wieder unter das Bett geflüchtet.
Als es so schlimm wurde, hat es mich besonders belastet. Luna bekam schon Medikamente, die ich aber nicht höher dosieren wollte, weil sich
der Spiegel noch aufbauen musste. Sie musste ja aber raus, weil wir an Arbeitszeiten gebunden waren und sie nicht mehr die Jüngste ist und ihre Gesundheit langfristig ja auch darunter leidet.
Das Schlimmste war aber meinen eigentlich so mutigen selbstbewussten Hund, der gar kein Problem mit rausgehen hat, so zwingen zu müssen.
Ich habe mir wahnsinnig Sorgen gemacht, dass sie uns irgendwann gar nicht mehr vertraut, dass unsere eigentlich sehr starke Beziehung mit ihr auseinanderfällt und natürlich auch, dass sie sich
irgendwann gezwungen sieht nach uns zu schnappen oder sich stärker zu wehren. Und natürlich ist es einfach unfassbar traurig und dramatisch seinen Hund die ganze Zeit in starker Angst, bis Panik zu
sehen.
Das tut nicht nur wahnsinnig weh, ich habe mich auch verdammt hilflos gefühlt, weil ich das so sehr gar nicht von ihr kannte. Am liebsten hätte ich ihr das auch alles erspart, aber unsere
Lebensumstände ließen das zu der Zeit gar nicht zu. Auch tagsüber war ich regelmäßig traurig, enttäuscht und wütend, wenn schönes Wetter war und ich einfach gern mit meinem Hund spazieren gehen
wollte, aber dann gab es ein kleines lautes Geräusch und wir mussten wieder nach Hause rennen. Jeder Tag war ein kleiner Kampf mit mir selbst, weil ich sehr frustriert und traurig darüber war und
überfordert mit der Angst, die Luna so veränderte, dass ich sie gar nicht mehr wiedererkennen konnte.
Anja: Was hat die Situation mit dir gemacht?
Tess: Ich war sehr verzweifelt, ich habe sehr viel geweint und mir Vorwürfe gemacht, dass ich das überhaupt so weit habe kommen lassen.
Außerdem hatte ich sehr viel Stress damit, weil ich natürlich in meinem Praktischen Jahr auch was erreichen wollte, viel lernen wollte und zum Herbstbeginn auch noch Prüfungen hatte. Es war für mich
mental alles sehr viel.
Anja: Was haben wir besprochen, bzw. was hast du Trainings technisch gemacht?
Tess: Wir haben Anja ein Video von Luna geschickt, wie sie sich weigert, abends das Geschirr anzuziehen und wir wie sie buchstäblich aus der Wohnung schleifen müssen, weil sie sich mit allen
vier Pfoten dagegen gewehrt hat. Wir haben vor allem als Soforthilfe besprochen, dass wir das Geschirr anlassen oder uns eine andere Möglichkeit überlegen, dass wir einen Schritt, der ihr unangenehm
ist, schon mal überspringen können.
Außerdem haben wir erklärt, dass wir nicht vermeiden können, in der Dunkelheit mit ihr rauszugehen. Beim Besprechen der Lösungsmöglichkeiten ging es dann vor allem darum, wie wir uns in der Situation
verhalten sollen. Ich habe sehr dazu tendiert Luna mitleidend zuzureden, Leine und Geschirr mit aller Vorsicht anzulegen, nur um sie dann am Ende trotzdem aus der Wohnung zu ziehen.
Also ging es darum, dass wir versuchen, möglichst wenig Emotionalität in die Situation zu tragen und es lieber schnell und bestimmt hinter uns zu bringen.
Hilfreich war natürlich, dass Luna auf Signal Pipi machen kann, so mussten wir wirklich immer nur ganz schnell vor die Tür und konnten direkt wieder rein.
Trainings technisch haben wir das Wort „Keks“ stark verstärkt, haben auf Spaziergängen, die vielleicht ein bisschen weiter gingen, Übungen eingebaut, die ihr Spaß machen, um die draußen Zeit wieder
schöner zu gestalten. Wir sollten auch einen Gegenstand als „Mutmach“ Signal aufbauen, das Luna damit verknüpft, dass sie alles schaffen kann. Zudem habe ich einfach Situationen gemieden, die
potentiell laut werden könnten. Ich habe auch ganz stark meine Erwartungshaltung runter geschraubt, habe akzeptiert, dass ich gerade keine schönen großen Runden in der Sonne mit ihr gehen kann und
dass es auch okay ist, wenn Luna, die sehr sportlich und agil ist, gerade das absolute Minimum an Auslastung erfährt. In der Zeit war das Leben an sich schon genügend Auslastung für sie.
Anja: Was fiel dir davon am schwersten emotional und/oder organisatorisch?
Tess: Die Situation gerade so anzunehmen, fiel mir sehr schwer, weil ich so Mitleid hatte und den vergangenen Jahren und Sonnentagen so
hinterher getrauert habe. Auch die Enttäuschungen zu ertragen, wenn wir mal ein bisschen weitergelaufen sind und dann doch wieder etwas passiert ist, das in Luna diese unfassbare Panik ausgelöst
hat.
Ich hatte auch lange noch das Gefühl so hilflos zu sein, eben auch weil ich meine Arbeitszeiten zwar ein wenig verschieben konnte, aber ich trotzdem viel weg war und mein Partner, der noch gar nicht
lange bei uns gewohnt hat, viele Aufgaben mit Luna übernehmen musste. Organisatorisch haben wir den Aufbau des Mutmach-Signals gar nicht so gut hinbekommen ehrlich gesagt, zumindest waren und sind
wir sehr weit davon entfernt, dass es den gewünschten Effekt erzielt.
Anja: Gibt es etwas was du gern gemacht hättest, es aber nicht ging?
Tess: Ja, ich wäre gern ausschließlich zuhause geblieben, wäre am liebsten jeden Tag mit Luna in den Wald gefahren, um ihr eine schöne Runde zu ermöglichen. Um es noch überspitzter zu sagen, wäre ich am allerliebsten für eine Zeit einfach geflüchtet und wäre in eine Hütte in den Wald gezogen mit Kilometern bis zu den nächsten Nachbarn, dass Luna einerseits keine Panik haben muss und ich sie andererseits auch nicht mehr nach draußen zwingen müsste.
Anja: Gab es Höhen und Tiefen im Training? Falls ja, wie bist du damit umgegangen? Was hat dir geholfen dran zu
bleiben?
Tess: Es gab zum Beispiel die Situation, dass wir eine unserer (ehemaligen) Stammstrecken gegangen sind, an der auch ein Kindergarten
liegt. Die Strecke ist Luna bestimmt schon mehr als einen Monat nicht mehr mit mir gelaufen. Das war erst richtig schön und ich habe mich so gefreut, doch dann kamen die Kinder raus und haben, wie es
Kinder eben tun, sehr viel geschrien. Es endete wieder damit, dass ich mit Luna nach Hause gerannt bin und mich viele Leute schräg angeguckt haben. Es gab oft ähnliche Situationen, in denen ich erst
froh war über den Erfolg, nur um dann wieder nach Hause zu rennen.
Auch habe ich mir in mutigeren Zeiten manchmal gedacht, dass wir probieren könnten eine alte Strecke zu laufen. Ich war immer ein wenig
enttäuscht, wenn Luna die Bremse reingehauen hat und nicht weiter zu bewegen war.
Damit umzugehen, fiel mir oft schwer, ich war wirklich oft frustriert und enttäuscht, gerade auch weil ich den Ausgleich von schönen Spaziergängen auch brauchen konnte, genauso wie Luna die Bewegung
und Abwechslung.
Geholfen hat mir vor allem, dass ich mir vor dem Spaziergang aktiv ein Ziel gesetzt habe, das nichts mit der Strecke an sich zu tun hat.
Manchmal war das nur „Ich will, dass Luna Kot absetzen kann“ und manchmal war es auch eine bestimmte Übung, die ich gern einbauen wollte.
Wir haben auch ausprobiert, mit einem Ball rauszugehen (Luna ist ein Ball-Junkie und trägt normalerweise immer einen Maulkorb), das hat aber auch nicht gut geklappt. Wir haben uns regelmäßig Gedanken
über kleine Ziele und Hilfe für Luna gemacht und vor allem die Erwartungshaltung, so schwer es auch war, immer ganz klein gehalten.
Nach einiger Zeit, als es schon viel besser war, haben wir herausgefunden, wann Luna wirklich 100% „Nein“ zu einem Weg sagt und wann man sie noch überreden kann. Das war ein bisschen wie auf Messers Schneide laufen, weil eine Strecke zu der man überreden muss, schon eher unbeliebt ist. Aber im Zusammenhang damit, dass Luna immer die Möglichkeit hatte trotzdem noch umzudrehen, haben wir uns langsam wieder zu größeren Runden mit mehr Resilienz ihrerseits zurück gearbeitet.
Anja: Wie viel Zeit ist vergangen und wie geht es euch jetzt?
Tess: Genau ein Jahr ist vergangen.
Uns geht es tatsächlich gerade sehr gut damit.
Luna ist nicht so wie vor der „großen Angst“, aber wir haben so gut gelernt damit umzugehen.
Nach ungefähr einem halben Jahr habe ich ihre Medikamente abgesetzt und wir haben relativ kontinuierlich Fortschritte gemacht. Manchmal geht sie bestimmte Strecken immer noch ungern, an anderen Tagen
hat sie aber selber total Lust darauf. Mittlerweile sind wir aber alle „alten“ Strecken wieder gegangen.
Vielleicht nicht mehr so oft wie früher, aber umso schöner ist es, wenn es geht.
Luna hat gut gelernt auf Spaziergängen die Bremse reinzuhauen, wenn sie irgendwo hingehen möchte, oder auch eine Strecke meiden will.
Dabei müssen wir noch einen Mittelweg herausfinden, weil sie das nur noch selten aus Angst macht und man manchmal auch einfach irgendwo hin muss.
Ich freue mich aber ehrlich gesagt darüber, weil ich meinen Hund so nochmal anders und besser kennengelernt habe und es, ehrlich gesagt, manchmal auch ein wenig witzig ist, wenn ich nach Hause möchte
und sie irgendwo steht wie eine Statue, weil sie das ganz anders sieht.
Ich kann mit ihr auch im Dunkeln wieder mehr spazieren gehen als nur um das Haus herum.
Auch hier gibt es sone und solche Tage, aber ich schaffe es viel besser zu akzeptieren, wenn sie wirklich nur ein Pipi machen will und halt nicht wie früher eine Stunde mit mir draußen
rumtingelt.
Sie hat auch gut gelernt, was es heißt „nur mal schnell Pipi zu gehen“.
Sie hat auch keine dauerhafte Angst vor dem Geschirr, oder dem Rausgehen entwickelt.
Ich habe echt das Gefühl, sie hat besser „Nein“ und „Ja“ sagen gelernt und auch über sich hinaus zu wachsen.
Wenn wir jetzt Situationen haben, die ihr Angst machen, sind die Nachwirkungen viel geringer geworden. Erst vor ein paar Tagen haben Jugendliche laut geklatscht und gerufen, was dazu geführt hat,
dass Luna erst mal rennen musste. Aber bereits nach einer kurzen Zeit ist sie super ansprechbar und nimmt Kekse.
Ja, wir gehen dann trotzdem zielgerichtet nach Hause, aber sie kann uns Aufmerksamkeit schenken, kann schnüffeln und auch nochmal pinkeln, wenn sie muss.
Also sie ist lange nicht angstfrei und ich weiß, dass es sich auch wieder verschlimmern kann, aber wir haben damit einen guten Umgang gefunden.
Luna hat gelernt, dass wir nachhause gehen, wenn sie muss, aber auch, dass der Weg dahin nicht in 100km/h stattfinden muss. Wir haben dafür gelernt, ihre Angst so zu nehmen, wie sie ist und uns
einfach darüber zu freuen, wenn wir schöne große Runden mit ihr gehen können.
Anja: Was möchtest du vielleicht denen mitgeben die gerade am Anfang stehen?
Tess: Medikamente sind nicht zu unterschätzen. Gut beraten von einer Verhaltenstierärztin sind Medis unfassbar hilfreich, um zumindest
solche Angst ein wenig zu dämpfen und überhaupt dorthin zu kommen, dass man mit dem Hund arbeiten kann.
Ohne Medikamente hätten wir definitiv nicht so schnell Fortschritte machen können.
Außerdem Erwartungen runterschrauben, auch wenn es schwerfällt. Wenn man Erwartungen stellt, tut die Enttäuschung extra weh, also lieber kleine, wirklich zu schaffende Ziele stecken und sich daran
erfreuen, wenn es klappt.
Die Situation so zu akzeptieren, wie sie gerade ist hat uns gerade am Anfang geholfen.
Wir haben zuhause viel und oft darüber gesprochen, weil es so schwer ist und so weh tut.
Also ganz wichtig finde ich, mit anderen Leuten darüber zu sprechen, Erfahrungen auszutauschen, sich eine kompetente Trainerin dazu zu holen und niemals die Hoffnung aufzugeben.
Jeden Tag so zu nehmen, wie er gerade kommt und sich an jedem Strohhalm festhalten, den man entdeckt.
Und einfach viel ausprobieren und offen bleiben für Dinge, die man nicht so erwartet hat.
Ich habe zum Beispiel nie erwartet, dass Luna so gut lernt, wann für sie eine Grenze dehnbar ist und wann wirklich ein Endpunkt erreicht ist.
Das hat uns aber ganz viel gebracht, um auch wieder weitere Strecken gehen zu können, weil sie über sich hinauswachsen konnte.
Aber ehrlich, unser Weg war überhaupt nicht einfach oder perfekt. Ich war manchmal so frustriert, dass Luna nicht laufen möchte, dass ich
sie an der Leine gezogen habe, und an manchen Tage bin ich auch nicht mit ihr weg gerannt, weil ich super frustriert war und mich so geärgert habe, „dass es immer noch nicht besser ist“.
Natürlich hat mich danach ein furchtbar schlechtes Gewissen geplagt, aber auch das ist mal in Ordnung.
Wir sind auch nur Menschen und wir haben uns einen Hund geholt für schöne tolle Spaziergänge (also nicht nur, aber das ist wahrscheinlich schon ein großer Teil der Vorstellungen) und es ist besonders
schwer, wenn das nicht funktioniert.
Der Großteil der Zeit sollte aber mit tollen und positiven Erfahrungen für beide Seiten gespickt sein und dafür findet man überall kleine Oasen und wenn es nur ist, dass Hundi es schafft in Ruhe sein
Geschäft zu machen.